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WAS
IST SCHAMANISMUS?
Schamanismus
existiert oder existierte überall auf der Welt in Gesellschaften,
die nicht nach dogmatischen Buchreligionen leben. Es ist die
lebendige, angewandte
Form einer Spiritualität, bei der Menschen unmittelbar mit dem Göttlichen
kommunizieren. Insofern gibt es einen wesentlichen Unterschied zu
allen etablierten Religionen. In einer Welt, die als Manifestation
des Göttlichen gilt, ist alles lebendig und verbunden. Menschen
sind ein aktiver Teil der Schöpfung. Der Schamane oder die
Schamanin sind Experten darin, menschliche Anliegen in den Lauf
der Schöpfung aktiv einzuflechten. Dazu verständigen sie sich
mit den Wesen einer meist unsichtbaren Welt hinter den Kulissen
des Alltags. Hilfreich dabei sind verschiedene Techniken, die sich
je nach kulturellem Hintergrund unterscheiden. Manche Schamaninnen
oder Schamanen benutzen halluzinogene Pflanzen, andere nicht.
Manche trommeln und tanzen, andere nicht. Manche beten auf ihre
Weise, um in einen veränderten Bewusstseinszustand zu kommen. Von
Außenstehenden wird das oft "Ekstase oder Trance“ genannt.
Das ist irreführend, denn es legt völlig geistesabwesende Zustände
nahe. Das ist für viele Schamanen völlig falsch. Dieser
besondere Zustand ist Voraussetzung für die Kommunikation mit
geistigen Kräften. Sie sind keine "Geisteskranken“ wie
vielfach vermutet. Sie kontrollieren sich völlig. Dazu sind
Menschen in einem psychotischen Schub nicht fähig.
Schamaninnen
und Schamanen sind tief verwurzelt in spirituellen Dimensionen.
Sie kennen keinen Unterschied zwischen einer banalen Alltagswelt
und einer höheren Ebene.
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Was
bedeutet das Wort "Schamanismus"?
Das Wort "Schamanismus" ist ein
wissenschaftlicher Begriff. Die jeweils schamanisch Tätigen geben
sich selbst unterschiedliche, ganz andere Namen. Oft wird auf ein
tungusisches Herkunftswort aus Sibirien verwiesen. Viele andere
Deutungen sind auch möglich. Europäische Wissenschaftler haben
hier mit einem Kunstwort einen schillernden Begriff geschaffen,
der sich durchgesetzt hat.
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Wie
werden Schamanen ausgebildet?
Viele
Schamaninnen und Schamanen haben ein Einweihungserlebnis. In
verschiedenen Kulturen kann das ganz unterschiedlich ausfallen.
Manchmal ist es eine überwundene schwere Krankheit, manchmal sind
es drängende Visionen und Träume. Danach beginnt eine oft
jahrelange Ausbildung bei älteren Schamanen. Sie erlernen mühsam,
dass es eine einzige Wirklichkeit mit sehr vielen Facetten gibt.
Sie lernen auch, sich darin geübt zu bewegen und ihre Anliegen
verantwortlich zu gestalten.
Eine Anerkennung
als Schamane oder Schamanin erfolgt erst durch die praktischen
Arbeitsergebnisse bei der Behandlung Kranker. Die Erfolge
qualifizieren die Heiler in ihrer Gemeinschaft. Der Prüfstein ist
ausschließlich die Praxis der heilerischen Arbeit. Ausbildung
und guter Wille reicht nicht dafür.
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Gibt
es europäische Traditionen?
Obwohl in Europa
mit dem Begriff "Schamanismus"
meist indianische Medizinmänner und afrikanische Zauberer
assoziiert werden, gab es auch hierzulande eine Form einer "schamanischen"
Tradition. Viele Heilerinnen und Hebammen, die durch die
katholische Inquisition ermordet wurden, hatten dem Schamanismus
vergleichbare Vorstellungen über Vorgänge im Universum und ihre
heilerischen Möglichkeiten. (Einige Volksmärchen lassen das noch
ahnen.)
Dieses
lebensgefährliche Wissen wurde durch die Inquisition in den
Untergrund gedrängt. Es verschwand allerdings erst dann, als die
Religion der Vernunft, die Aufklärung, ein breites Publikum fand.
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Wie
sehen die traditionell schamanischen Kulturen heute aus?
Heute sind die
klassisch schamanischen Gesellschaften dabei, zu verschwinden.
Stammesgesellschaften haben keinen Platz in der modernen Welt.
Obwohl eine schamanische Weltsicht sich mit allen Buchreligionen
arrangieren kann, bekämpfen diese schamanische Tätigkeiten. Das Christentum, der Islam und auch der Sozialismus
sowjetischer Prägung haben schamanische Strukturen grundlegend
geschädigt.
Alkohol und Armut
haben gewachsene Strukturen ebenfalls zerstört. In einigen
Stammeskulturen hat sich das traditionelle Wissen bereits stark
verändert, obwohl es noch erhalten ist. Das ist der Fall, wenn
hinter jeder banalen Kleinigkeit finstere Mächte vermutet werden.
Und das ist auch der Fall, wenn bei Kopfschmerzen statt einer
Aspirin wie bei uns, immer ein Fertigamulett vom Markt zur
Anwendung kommt.
Nicht alle
Schamaninnen und Schamanen sind Heiler. Manche sind auch bereit
ihren Klienten Macht über andere Menschen zu verschaffen. Manche
sind persönlich integer, andere nicht.
Der Unterscheid
liegt nicht in den Methoden, sondern in den Absichten.
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Wie
können wir uns mit dem Thema Schamanismus beschäftigen?
Einige Nachkommen
nordamerikanischer Ureinwohner haben sich dagegen verwehrt, dass
ihre spirituellen schamanischen Traditionen von Weißen
aufgegriffen und, „amerikanisiert“ vereinfacht, vermarktet
werden. Sie sprechen von Diebstahl. (Lakota und andere)
Andere Mitglieder
traditioneller Gesellschaften, z. B. auch in Mexiko, sind bereit,
Weiße in dieser Kunst auszubilden, um dieses Wissen überhaupt zu
erhalten.
Auch wenn
schamanische Traditionen vor allem in Europa sehr hoch angesehen
sind, führt kein Weg daran vorbei, dass in den Herkunftsländern
die traditionelle Form dabei ist, auszusterben. Viele Menschen
dort sind von den bunten westlichen Pillen und Spritzen zu sehr
fasziniert. Dieses Phänomen ist eine der Folgen der
Kolonialisierung durch europäische und amerikanische Herrenvölker.
Von Interesse ist
jetzt und in Zukunft die freiwillige Zusammenarbeit von Vertretern
indigener Traditionen mit weißen Schülern und Schülerinnen. In
jeder Kultur muss der wissenschaftlich so genannte
„Schamanismus“ den Sprung in die Gegenwart auf
unterschiedliche Weise schaffen.
Wir Europäer
stehen in der Pflicht, unsere Inspirationen durch traditionelle,
schamanische Heilkundige mit den Resten einer europäischen
Tradition so zu verbinden, dass eine zeitgenössisch hier lebbare
Form dabei entsteht. Niemand will, dass wir „Indianer
spielen“, am wenigsten die indianischen Völker. Auf diese Weise
kann die Pflanze des „Schamanismus“ auch bei uns wieder eigene
Wurzeln treiben. Das ist sehr wohl auch im Interesse der
traditionellen Gesellschaften. Diese Aufgabe muss allerdings von
uns erst angenommen werden.
Wir
brauchen hier bei uns dringend eine Heilkunde jenseits von
Medizintechnologie und Individualpsychologie. Das steht außer
Frage.
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Welche
Literatur ist hilfreich?
Es gibt viele
schamanisch inspirierte Erzählungen und Erfahrungsberichte.
Castagneda ist in Europa und den USA sicher am bekanntesten. Darüber
hinaus gibt es viele alte und neue Sachbücher zum Thema. Jede
Menge wissenschaftliche Veröffentlichungen sind verfügbar. Eine
Anfrage im Buchhandel genügt.
Bei Erzählungen
und Erfahrungsberichten gerät die Dimension für Neulinge oft so
sehr ins drogenbedingt Phantastische, dass keine Hilfestellung für
eigene Erfahrungen möglich ist.
Bei Sachbüchern
oder wissenschaftlichen Arbeiten besteht oft das Problem, dass die
Sichtweise von „außen“ nur
staunend beschreibend ist und nicht über eigene Erfahrungen verfügt.
Schamanische
Heilerinnen und Heiler schreiben selten Bücher über ihre Arbeit.
Entscheidend ist
die Frage, wer das Buch mit welcher heilerischen Berufserfahrung
geschrieben hat. Zusätzlich ist bei europäischen Autoren die
Frage notwendig, ob sie von traditionellen Lehrern gelernt haben
und autorisiert sind, sich lehrend zu betätigen.
Gleichgültig
wie informativ manche Sachbücher sein mögen, eine Einweisung in
die schamanische Heilarbeit ist nur über das gesprochene Wort und
die erfahrene Begleitung von schamanischen Heilern möglich.
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